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01.06.2021 von Ludwig Boltzmann

„Eine kluge Partnerschaft ist immer etwas Symmetrisches“

Freyja-Maria Smolle-Jüttner will als neue Präsidentin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft neue Institute im Bereich der Gesundheits- und Medizinforschung an der wissenschaftlichen Spitze positionieren. Das Interview führte Eva Stanzl.

Sie sind Chirurgin und Wissenschaftlerin, jetzt präsidieren Sie über die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG). Ihre Vorgänger waren der ehemalige Raiffeisen-Chef Christian Konrad und der ehemalige Vizekanzler Josef Pröll. Was hat sich seit Beginn Ihrer Karriere für Frauen und Frauen in der Wissenschaft verändert? Schlägt Ihre Bestellung in der LBG so etwas wie einen neuen Ton an?

Freyja-Maria Smolle-Jüttner: Ich habe mich immer als Ärztin und universitär tätiger Mensch im Kontext aller anderen gesehen und hatte keine Empfindung, dass ich als Frau einen Nachteil gehabt hätte. Noch vor 20 Jahren gab es aber in allen Bereichen, Fächern und Funktionen sehr wenige Frauen. Es sind sehr viele mehr geworden und sie erfüllen ihre Tätigkeiten in gleicher Art und Qualität wie Männer. Ich sehe bei der jungen Generation keine Anmutungen, dass man Unterschiede machen würde, und habe dies auch zu meiner Zeit als Jungforscherin nicht empfunden – ich habe mich immer wohlgefühlt.

Was die Wissenschaft insgesamt betrifft, hat sich Dramatisches gewendet. Als ich vor 40 Jahren begonnen habe, war sie unmittelbar, fast spielerisch, mit einem Zugang des Experimentierens. Man hatte heute eine Idee und setzte sie morgen mit einfachen Mitteln um. Das wäre heute undenkbar. Forschung ist komplexer, aufwändiger, zeitintensiver und in gewissem Sinn schwerfälliger geworden. Selbstredend muss man darauf achten, dass z.B. neue Medikamente keine Negativ-Effekte haben. Aber da vom bekannten Vitamin B in zulassungsentsprechender Anwendung bis zu einem völlig neuen Wirkstoff alles über den gleichen Leisten geschlagen wird, beträgt heute allein die Vorlaufzeit für eine klinische Studie (Studie an PatientInnen, Anm.) viele Wochen bis Monate. Es geht natürlich stets darum, noch mehr Sicherheitsfaktoren einzuziehen, aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob diese Vorgangsweise in gleichem Ausmaß die Qualität erhöht.

Der Thorax ist eines der komplexesten Fachgebiete in der Chirurgie. Was hat Sie bewogen, die Herausforderung anzunehmen?

Professor Gerhard Friehs, mein Lehrer und späterer Chef, hat eine derart faszinierende Vorlesung gehalten, dass ich dieses Fach unbedingt ergreifen wollte, und ein Praktikum im Operationssaal verfestigte meine Überzeugung. Natürlich war der Ton im Operationssaal manchmal rau, ich habe mir aber immer gesagt: Wenn ich Fußball spielen will, muss ich damit rechnen, dass ich gefoult werde, und wenn mir das nicht passt, muss ich einen anderen Sport betreiben.

Ihr Ehemann, Josef Smolle, hatte als Rektor der Medizinuni Graz einen ebenso dicht getakteten Alltag wie Sie als Universitätsprofessorin und Chirurgin. Wie ging das mit vier Kindern alles unter einen Hut?

Damals war er noch nicht Rektor! Weil ich keine Karenzzeiten in Anspruch genommen habe, hatten wir tagsüber eine Kinderbetreuung, die letztlich zehn Jahre bei uns geblieben ist. Dafür habe ich mein Grundgehalt investiert, da mir der Beruf auch wichtig ist und ich finde, dass nur eine glückliche Mutter eine gute Mutter ist. Hinzu kommt, dass mein Mann seine Dienste so setzte, dass sie familienverträglich waren. Wir haben uns die Kinderbetreuung 50:50 geteilt.

Was bedeutet die Ludwig Boltzmann Gesellschaft für Sie?

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft ist eine spannende Organisation mit einer großen Historie und einem großen Namen in der Forschung.

Die LBG ist unter anderem für ihr hohes Forschungsniveau bekannt. An der Spitze der einzelnen Boltzmann Institute (LBI) stehen jeweils renommierte WissenschaftlerInnen. Auch in Zukunft bleibt sie eine Trägerorganisation, das heißt: Es wird weiterhin unabhängige Institute geben, die zwar an Universitäten beheimatet sind, aber ihrem eigenen Auftrag folgen, und deren MitarbeiterInnen bei der Boltzmann Gesellschaft angestellt sind. Die Aufnahme der LBG in das neue Forschungsfinanzierungsgesetz gibt zwar Planungssicherheit, aber die LBG muss so wie Universitäten Leistungsvereinbarungen mit dem Bund abschließen. Was verändert das für die LBG und LBIs?

Aus meiner Sicht verändert das doch einiges. Es gibt einen Nachsatz zu unserer Trägerorganisation im neuen Forschungsfinanzierungsgesetz, wonach der Bund als Geldgeber auch Förderaktivitäten sehen möchte. Das ist gleichbedeutend damit, dass unsere Trägerorganisation und die Universitäten, die die Institute aufnehmen, aufeinander zugehen müssen. Das Spezifikum der Ludwig Boltzmann Institute ist, dass wir keine eigenen Häuser oder Labors haben. Wir müssen uns einmieten, weswegen wir immer einen Partner brauchen, der diese Dinge zur Verfügung stellt. Das ist ein gewisser Reibungspunkt.

Daher soll es in Zukunft ein neues Modell für Institute geben, das gerade vom Vorstand ausgearbeitet wird. Wenn man mit Fairness aufeinander zugeht, sollte für beide Partner etwas Gutes herauskommen.

Wie kann das hohe Niveau der Ludwig Boltzmann Institute trotz dieser Veränderungen beibehalten werden?

Die Interessen sind ja gleich: Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft und deren Partnerinstitute – in erster Linie die Universitäten – wollen beide exzellente Forschung und ich denke, man kann gemeinsam etwas Zukunftsweisendes schaffen. Dabei geht es immer um Persönlichkeiten, die man weise wählen muss, denn letztlich weiß man nie, ob eine Idee, die gut klingt, auf die Straße gebracht werden kann. Dies ist in einigen Instituten perfekt gelungen, etwa hat das LBI für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie Meilensteine gesetzt. Digitale Archäologie hätte auch das Hirngespinst eines Archäologen sein können, dass es aber derart super läuft, ist dabei wohl der Forscherpersönlichkeit an seiner Spitze geschuldet.

Der neue Vorstand arbeitet eine strategische Neuausrichtung aus, um die LBG im Bereich der Gesundheits- und medizinischen Forschung optimal zu positionieren. Was bedeutet das konkret?

Medizin bzw. Gesundheit sind ein weites Feld, wobei gerade hier die Förderschiene hineinspielen sollte. Abgesehen von der Gründung von Instituten, die von Ernährungswissenschaften über Public Health bis hin zu Psychiatrie ein breites Spektrum umfassen sollen, gibt es einen Sektor, den man mit Instituten aus vielen Gründen nicht abdecken kann, und das ist die klinische Forschung, aus der wir viele Signale in Richtung Unterstützungsbedarf bekommen. Klinische Forschung entsteht aus der täglichen ärztlichen Routine. Im Kontext eines LBI ist es jedoch aus datenschutzrechtlichen Gründen zum Beispiel kaum möglich, Zugang zu Patientendaten zu erhalten, andererseits lassen sich dienstrechtlich Arbeit am Patienten und Forschungstätigkeit schwer vereinen. Deswegen ist ein Institut nicht das richtige Format für Projektförderung im klinischen Bereich.

Will man neue Institute in den Geistes- und Kulturwissenschaften gründen?

Wir haben vor, neue Institute zu gründen, allerdings mit Schwerpunkt Medizin und Gesundheit. Neue Institute im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften sind im Moment nicht anvisiert.

Die LBG soll also künftig auf Medizin und Gesundheit spezialisiert sein?

Schon, denn für den zur Verfügung stehenden Finanzrahmen ist eine Diversifikation auf Dauer nicht mehr gut darstellbar, wenn man die Qualität halten will. Der Qualitätsdruck steigt in allen Bereichen. Man muss sich daher auf ein Generalthema fokussieren. Unseres ist mit „Medizin und Gesundheit“ ohnehin riesengroß.

Und in der klinischen Forschung soll die gewollte Förderschiene zum Einsatz kommen?

Ja, das ist gewollt, denn hier besteht in Österreich ein massives Defizit. Wir sind im Hintertreffen gegenüber anderen deutschsprachigen Ländern. Wir haben außer dem Programm „Klinische Forschung“ (KLIF) des FWF nichts zur Verfügung. Zudem wurden die diesbezüglichen Förderungen der Nationalbank gestrichen – es sind immerhin rund zwei Millionen Euro, die den österreichischen klinischen ForscherInnen dadurch pro Jahr fehlen. Um aber den Proof of Principle einer Idee anzutreten, die in der täglichen Routine auftaucht, braucht man die entsprechenden Mittel. Durch neue Formate, die wir gerade entwickeln, wollen wir Abhilfe schaffen.

Die Zukunft sind also neue Institute im Gesundheits- und Medizinbereich und klinische Projektförderung?

Das ist der große, dringende Wunsch der Medizinuniversitäten und dazu wurde eine Kern-Arbeitsgruppe des LBG-Vorstands eingerichtet. Nachdem die LBG innovativ ist, ist sie das für sich selbst auch. Ich denke, dass man auch Möglichkeiten finden wird, mit Forschungsförderung die wissenschaftliche Arbeit zu begleiten und zu unterstützen, aber auch um zu sehen, was deren Impact ist, wie sich die Idee weiterentwickelt und welche weiteren Karriereschritte geförderte Personen machen. Dieser Weg ist in Österreich wenig beschritten, doch gerade die LBG mit ihren routinierten MitarbeiterInnen kann das wahrscheinlich sehr gut.

In der Grundlagenforschung wird oftmals nichts aus einer Idee.

Das trifft auf alle Sparten zu, nur dass Erfolg oder Misserfolg in der klinischen Forschung rascher evident werden als in vielen anderen Bereichen. Meistens weiß man nach zwei Jahren, was daraus wird. Bei der Grundlagenforschung ist die Dynamik anders.

Welche begleitende Rolle könnte das Career Center der LBG spielen?

Das LBG Career Center ist Anlaufstelle für alle Fragen der Karriereentwicklung von Pre- und Postdocs in und außerhalb der Wissenschaft und kann dieses Profil weiter schärfen. Gerade JungforscherInnen am Anfang ihrer Karriere können eine helfende Hand gut gebrauchen, wenn man sich etwa auf eine Förderschiene mit ihnen begibt.

Das Forschungsbudget wurde im Herbst um insgesamt 340 Millionen Euro erhöht. Ist der Kuchen schon fertig aufgeteilt und weiß die LBG, wie viel sie bekommt?

Nein. Wir haben nur für heuer ein Budget, das das letzte ist, das im Rahmen des alten Konstrukts vergeben wurde. Wir müssen jetzt einen Entwicklungsplan verfassen und in Verhandlungen mit dem Ministerium treten, dann werden wir sehen, wie die Mittel definitiv aufgeteilt werden. Ab Jahresmitte werden wir den Entwicklungsplan erstellt haben.

Unzählige medizinische Forschungsinstitute und auch LBIs erforschen das Coronavirus und die Lungenkrankheit COVID-19. Sehen Sie die Pandemie als Naturereignis in der Forschung?

Das Thema ist sicher ein Turbo in eine Richtung, vieles andere kommt vielleicht derzeit nicht so gut zum Tragen. Erst kürzlich hat etwa die Medizinuni Graz ein Paper im „Lancet“ publiziert, das erklärte, wie man Thrombosen nach Impfungen behandeln kann. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Entwicklungen in der klinischen Forschung vonstattengehen können, weil man unmittelbar feststellen kann, wie der Therapieerfolg bei den PatientInnen ist.

Gesellschaftlich relevante Herausforderungen, zu deren Bewältigung Forschung einen Beitrag leisten kann, sollen frühzeitig erkannt und aufgegriffen werden. Das Open Innovation in Science (OIS) Center der LBG hat sich seit seiner Gründung 2016 als führender internationaler Hub für Open Innovation in Science positioniert. Die LBG ist damit Vorreiterin beim Thema „Innovation durch neue Ansätze“, wie etwa mit den Crowdsourcing-Kampagnen „Reden Sie mit“, bei denen gezielt Wissen von PatientInnen, Betroffenen, PraktikerInnen und ExpertInnen aufgegriffen und verknüpft wird. Wie geht es mit OIS weiter?

Im Gründungsprozess der LBI ist es vorgesehen, Open Innovation einzubinden. Auch abgesehen davon glaube ich, dass es gerade im klinischen Forschungsbereich wichtig wäre, auch Patientenbefragungen im Rahmen von Citizen Science und Crowdsourcing hinzuzunehmen. Das ist ein Wissensinput, auf den man lange zu wenig Wert gelegt hat. Man hat lange nur behandelte PatientInnen im Rahmen von Studien befragt. Wenn man aber die gleichen Fragen einem breiten Kollektiv von Betroffenen stellt, bekommt man automatisch ein anderes Spektrum von Antworten in der auf PatientInnen bezogenen Forschung.

Worin sehen Sie den Nutzen bei der direkten Einbindung Betroffener in die Forschung?

Ich sehe den Nutzen dort, wo die Betroffenen die Forschungsthemen verstehen können. Beispiel Lungengefäßforschung: Diese ist für Menschen, die damit nicht näher befasst sind, ein abstraktes Thema. Wenn man der Bevölkerung aber heute die Frage stellt, wie es ihr in der COVID-Pandemie geht, ist das für alle ein konkretes Thema. Jeder wird individuelle Aspekte beitragen. Man kann die Einbindung Betroffener sicher nicht überall in gleicher Weise einsetzen, aber dort, wo es nötig bzw. sinnvoll ist, gibt sie wichtigen Input.

Wie viele neue LBI wollen Sie in der nahen Zukunft ins Leben rufen?

Zwei Institute sollen, wie bisher, alle zwei Jahre starten. Da derzeit mehr und mehr Institute auslaufen, muss das bald passieren. Die Frage ist nur das Finetuning der organisatorischen Form, die mit den Host-Institutionen vorab abzusprechen sein wird.

Warum ist es wichtig, dass die LBI weiterhin unabhängig bleiben?

Es sollen beide Partner – also LBG und Host-Institution – von den Instituten profitieren. Eine kluge Partnerschaft ist immer etwas Symmetrisches.

Eva Stanzl ist Wissenschaftsredakteurin der „Wiener Zeitung“ und Vorstandsvorsitzende des Klubs der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen Österreichs.

a. Univ.-Prof. Dr. Freyja-Maria Smolle-Jüttner ist Leiterin der Klinischen Abteilung für Thorax- und hyperbare Chirurgie an der Medizinischen Universität Graz und seit 2020 Präsidentin der LBG.