20.05.2022 von tobias

Ungenügende Koordination im Gesundheitswesen: Menschen mit chronischen Wunden müssen leiden

Die Ludwig Boltzmann Forschungsgruppe Alterung und Wundheilung hat mit Wund-Expert:innen gesprochen sowie verfügbare Dokumente ausgewertet und in einem Wundbericht zusammengefasst. Die Schlussfolgerung: im österreichischen System mangelt es aktuell an entsprechender Koordination.

Eine chronische Wunde bedeutet für die betroffene Person oft Schmerzen, einen großen Einschnitt in die Bewegungsfreiheit und damit einhergehend eine psychische Belastung. Das kann sozial isolieren und Lohnarbeit verunmöglichen. Im täglichen Leben sind auch die Angehörigen extrem gefordert. Damit Patient:innen die Chance auf ein Leben ohne chronische Wunde haben, müssen mehrere Gesundheitsberufe zusammenarbeiten. Denn Betroffene sind darauf angewiesen, dass Expert:innen die Ursachen ihrer beispielsweise offenen Beine erkennen und behandeln. Während chronische Wunden oft ältere Personen betreffen, erhöht die Zunahme an Gefäßerkrankungen und Diabetes auch bei jüngeren Menschen das Risiko.

Es zeichnet sich ab, dass künftig wahrscheinlich mehr Österreicher:innen mit chronischen Wunden leben werden: Die Bevölkerung wird im Schnitt älter; zudem häufen sich Risikofaktoren in der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, wie etwa auch Adipositas. Das Problem wurde in Österreich bisher noch nicht wissenschaftlich untersucht.

“Unsere Vorstellung von Wunden ist stark von Verletzungen, wie Schnitt- oder Schürfwunden geprägt. Waschen, Pflaster drauf, passt schon. Chronische Wunden sind anders. Sie werden mit der Zeit oft sogar größer”, erklärt die Erstautorin und Forschungsgruppenmitarbeiterin Cornelia Schneider. Eine chronische Wunde muss mitunter mehrmals die Woche zeitaufwendig begutachtet, gesäubert und neu verbunden werden. Damit die Wunde verschwinden kann, braucht es aber vor allem eins: Kommunikation. Pflegefachkräfte, Ärzt:innen für Allgemeinmedizin sowie Fachärzt:innen der Dermatologie, Gefäßchirurgie, Angiologie und Diabetologie müssen sich über institutionelle Grenzen hinweg absprechen, damit bei der betroffenen Person die Ursache, also ihre Primärerkrankung, zum Beispiel eine bestimmte Durchblutungsstörung, gefunden und entsprechend behandelt wird. Die Kommunikation der Fachkräfte ermöglicht zudem, dass Patient:innen rasch die angemessenen Verbandsmaterialien erhalten können. Derzeit geschieht dies häufig nur, wenn sich Einzelpersonen engagieren. Eine österreichweit einheitliche Behandlungsqualität für alle Wund-Patient:innen kann so jedoch nicht gewährleistet werden.

In ihrer Analyse sind die Forscher:innen auch auf viele statistische Lücken gestoßen. „Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, dann höre ich regelmäßig: ‘meine Oma/mein Opa ist betroffen.’ Wir haben hier ein reales Problem. Doch statistisch ist es unsichtbar”, so Raffael Himmelsbach, Studienleiter und Co-Direktor der Forschungsgruppe. Das Ausmaß chronischer Wunden in Österreich und die Zusammensetzung nach unterschiedlichen Erkrankungsursachen kann nicht beobachtet werden, solange Diagnosen im hiesigen Gesundheitssystem nicht einheitlich erfasst werden. Ob es flächendeckend genügend Anlaufstellen für Betroffene gibt, bleibt weiter unsicher.

Der vollständige Bericht ist Open Access verfügbar.

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