Neue Verfahren für digitale Beweisführung etablieren
Die Völkerrechtlerin Konstantina Stavrou beschäftigt sich am Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte mit nutzergenerierten Inhalten – etwa Videos und Fotos von Zivilpersonen – als Beweismittel in Gerichtsprozessen vor internationalen Straftribunalen. Bevor sie die bewusste Entscheidung traf sich Forschung und Lehre zuzuwenden, lotete sie eine diplomatische Karriere aus.
Konstantina Stavrou forscht in ihrem PhD-Studium am Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte zur Bedeutung nutzergenerierter Inhalte als Beweismittel in Völkerstrafverfahren vor internationalen Straftribunalen. Am wichtigsten ist ihr dabei, relevante Forschungserkenntnisse in die Praxis zu bringen: „In diesen Beweisen liegen Chancen. Man denke nur an die Aufarbeitung des Konflikts in Syrien. Das Land war abgeriegelt und von Zivilpersonen hochgeladene Videos waren eine der wenigen Möglichkeiten, zu sehen, was passiert.“ Für ihr Thema und die damit verbundenen Chancen zur strafrechtlichen Aufarbeitung schwerster Menschenrechtsverbrechen schafft sie auch mit Vorträgen vor Staatsanwält:innen, Richter:innen, der Polizei sowie Strafverteidiger:innen Aufmerksamkeit: „Es geht mir darum, das Bewusstsein für Probleme und Risiken im Zusammenhang mit diesen neuartigen Beweisformen zu schärfen und wie sie überwunden werden können.“
Konstantina Stavrou untersucht, inwiefern diese neuartigen Beweise bereits Eingang in bisherige Strafverfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gefunden haben und ob die Strafprozessordnung des Gerichtshofs für diese neuen Beweismittel gerüstet ist. „Gerade beschäftige ich mich mit Kriegsverbrechen in der Zentralafrikanischen Republik aus den Jahren 2013 / 2014. Es vergehen typischerweise mehrere Jahre, bis die Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof beginnen können. Die eingebrachten Beweismittel sind in diesem Fall noch sehr überschaubar. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine zeigt uns aber täglich, welche Mengen an Videos und Bildern vom aktuellen Geschehen angefertigt werden.“
Chancen und Risiken neuer Beweismittel
Die Juristin sieht eine Forschungslücke, eine Nische, die sie ausfüllen möchte: „Videos und Fotos von Zivilpersonen, die Kriegsverbrechen dokumentieren, können eine entscheidende Rolle bei der Beweissicherung spielen und Gerichte dabei unterstützen, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Solche Inhalte können Verstöße gegen das Völkerstrafrecht belegen, doch sie bergen auch Risiken. Ich beschäftige mich damit, was es alles braucht, um sie als gerichtsfeste Beweise zuzulassen und gleichzeitig ein faires Verfahren sicherzustellen.“ In Zukunft könnte sie sich vorstellen, die Bedeutung dieser Beweisführung auch in nationalen Verfahren zu erforschen.
Konstantina Stavrous Startpunkt in die Welt des internationalen Rechts war der Bachelor in International, European and Regional Studies an der Panteion Universität in ihrer Geburtsstadt Athen. Ihre Beschäftigung mit dem internationalen Flüchtlingsrecht fiel mit der Flüchtlingskrise in Griechenland zusammen. Während eines ERASMUS-Aufenthalts an der Universität in Padova im Jahr 2016 setzte sie sich mit Frauenrechten und insbesondere der Rechtslage von Abtreibungsverboten in verschiedenen EU-Ländern auseinander.
Im Masterstudium Human Rights an der Universität Utrecht folgte sie noch eine Weile dem Strom Studierender, die sich in Richtung internationaler Karrieren entwickeln wollten: „Ich mochte das Netzwerk und die Diskussionen mit verschiedenen Leuten, aber noch lieber mache ich meine eigene Forschung, arbeite nach meinen Interessen, bin von meinen Büchern umgeben.“ Nach mehreren Praktika im griechischen Außenministerium und der ständigen EU-Vertretung Griechenlands in Brüssel stand ihr Entschluss fest: die interessensgeleitete Reise führte sie als Forscherin ins akademische Umfeld. Ihr Wechsel an das Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte im Juni 2020 kam „sehr plötzlich und ungeplant“. Sie hatte in der Grundrechteagentur der Europäischen Union in Wien gearbeitet, als die COVID-Restriktionen eine aktive Karriereentwicklung erst einmal verunmöglichten. Ein weiteres Internship zu machen, ergab sich letztlich über fachliche Kontakte von vergangenen Konferenzen – und von dort wurde später eine Anstellung am Institut möglich.
Stavrou plädiert in Hinblick auf die Beweismittel für die Entwicklung klarer rechtlicher Rahmenbedingungen und Standards, um die Verwendung nutzergenerierter Inhalte in Gerichtsverfahren zu ermöglichen, ohne dabei die Rechte der Betroffenen zu verletzen oder die Integrität des Verfahrens zu gefährden. Sie betont die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, Mechanismen zu schaffen, die es ermöglichen, solche Beweise effektiv zu nutzen, um Gerechtigkeit für die Opfer von Völkerrechtsverbrechen, wie etwa Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zu erreichen.
Wie tief taucht sie beim Aktenstudium in verstörende Sachverhalte ein und wie schafft sie es, sich emotional abzugrenzen? „Tatsächlich denke ich recht häufig, dass die Welt ein schrecklicher Ort ist. Ich lese in den Urteilen furchtbare Sachen, versuche aber, das nicht zu nah an mich heranzulassen. Ich halte es nach Möglichkeit auf Distanz, wie historische Romane, die ich lese, über Sklaverei oder die Konzentrationslager im nationalsozialistischen Regime.“
Quer durch Europa
Durch ihre Arbeit in verschiedenen europäischen Ländern hat sie gelernt, wie sie in unterschiedlichen kulturellen Hintergründen funktioniert und sich an die jeweiligen Mentalitäten und das Arbeitsklima anpasst. Als Griechin war der Sprung nach Brüssel und Utrecht sehr fordernd – von mediterran überschwänglich zu nordisch-kühl und schnörkellos. Wien ist für sie ein guter Ort: „Die Menschen sind offen und freundlich. Das Leben ist unkompliziert, weil die Dinge funktionieren – da bleibt mehr Zeit, nachzudenken, statt permanent zu organisieren.“
An vielen Stellen ihrer Karriere fand(en) sie Mentor:innen, die sie bestärkten, unterstützten, die richtigen Fragen stellten, forderten und „mich zum Besseren veränderten“. Schon im ersten Job im griechischen Außenministerium bis zu ihrem Doktorvater heute, die sie unterstützen sich in ihrem Feld zu etablieren. Seit ihr 2022 die Leitung des Human Rights Moot Court an der Universität Wien übertragen wurde nutzt sie die Gelegenheit, diese Erfahrungen weiterzugeben: „Ich coache die Studierenden. Ich war selbst sehr schüchtern und möchte sie aus dem Schneckenhaus holen und ihnen das Gefühl geben, dass sie ihre Position verteidigen und überzeugen können.“
Auch privat liest sie viel, nutzt aber die Möglichkeit, die Büroarbeit mit Bewegung zu kompensieren: Ihr Pudel will raus, sie macht Pilates und Yoga. Zudem kümmert sie sich um Ruhe im Kopf mit Meditation und stricken – das hilft auch gegen kalte Winter.
