Menschliches Verhalten durch die Linse der Evolution
Gregor Fauma ist Verhaltensbiologe, Rhetoriktrainer, Speaker und Coach – ein scharfer Beobachter des Homo sapiens im Meetingraum. Mit Witz und wissenschaftlicher Fundierung durch das Ludwig Boltzmann Institut für Stadtethologie erklärt er heute, wie Führung und Kommunikation mit unserer Software aus der Steinzeit gelingen können.
Gregor Fauma ist ein Menschenaffe, wie wir alle. Aber im Gegensatz zu den allermeisten Menschen, weiß er es besser und redet reflektiert und fundiert darüber. In seinen Keynotes nimmt der Verhaltensbiologe gerne Anlauf quer durchs Publikum, mit einer Gorillamaske auf dem Kopf, kreischt wie ein Schimpanse und stürmt auf die Bühne. Dort nimmt er die Maske ab und erklärt dem staunenden Publikum gesittet, in Anzug und Hemd, inwieweit der Arbeitsplatz einer Affenherde gleicht, was von Führungspersonen erwartet wird und ob KI den Gesetzmäßigkeiten des Werkzeuggebrauchs entspricht. Fauma ist Alumno des Ludwig Boltzmann Instituts für Stadtethologie, das 2000 in das Ludwig Boltzmann Institut für Europäische Geschichte und Gesellschaft integriert wurde, und nennt diese Phase in seiner Karriere „zu 100% verantwortlich dafür, was ich heute tue“. Seine Stärken sind zuhören, eine (studienbedingt) gute Beobachtungsgabe und humorvolles Kommunizieren, wobei er Worte als Waffe oder Werkzeug einsetzt. Die Frage nach seiner Rolle in einer umherziehenden Menschenherde der Steinzeit, beantwortet er ohne zu zögern: „Ich wäre Späher gewesen.“
Seit 2020 ist er selbstständiger (ausgezeichneter) Speaker, Rhetoriktrainer und Business Coach. Zudem hat er ein Buch und Kolumnen geschrieben, lange an seiner Alma mater unterrichtet und betreibt einen Food-Blog. Man könnte sagen, dass er sich mit den wichtigen Dingen im Leben jedes Menschen auf sehr hohem Niveau befasst: kommunizieren, Geschichten erzählen, soziale Beziehungen pflegen, essen und trinken. „Ich lehre vor anderen zu sprechen und mache das auch selber. Als systemischer Business Coach helfe ich Menschen aus ihren gedanklichen Hamsterrädern auszubrechen und eigene Lösungen zu finden – mit Interventionen aus der Psychotherapie. Ich schreibe sehr gern. Manchmal werde ich dafür auch bezahlt.“
Den wichtigsten Rat bekam er in der Einführungsvorlesung von Alexander von Gabain. Daraus leitet er auch seine Empfehlung für Nachwuchsforschende ab: „Macht, was euch Freude bereitet und wofür ihr brennt. Nur so werdet ihr gut genug, um dafür bezahlt zu werden.“ Der Mikrobiologe und Gründer von Intercell gab den Studierenden ein Rätsel übers Wochenende auf und der ganze Hörsaal „murrte wie eine pubertierende Oberstufenklasse. Er hat entgeistert in den Hörsaal geschaut und gesagt: Wenn ihr in der Früh nach dem Aufstehen und am Abend vor dem Schlafengehen nicht über eine zentrale Fragestellung eurer Studienrichtung nachdenken wollt, ist es die falsche. Weil dann werdet ihr nie so gut sein, dass ihr damit Erfolg haben werdet. Da wusste ich: Mikrobiologie wird es nicht – trotz der Jobchancen.“
Ganz anders packte den Zoologen die Einführung in die Humanethologie von Karl Grammer, der das Ludwig Boltzmann Institut leitete, „weil ich danach an nichts Anderes mehr denken konnte. Ich habe alle Bücher gefressen, meinen Freundeskreis mit Thesen genervt.
Sein Einstieg in die angewandte Verhaltensforschung am Institut war niederschwellig: „Das waren einfach Räume, wo man sich an der Forschung beteiligen konnte. Wir waren eine eingeschworene Gang von sechs Studierenden, die sich gegenseitig gepusht haben, voll integriert in den akademischen Diskurs. Wir haben Literaturstudium betrieben, Studien designt, Experimente aufgesetzt und durchgeführt, Ergebnisse in Präsentationen gefasst – da habe ich das gelernt und gemerkt: ich mag Bühne. Es gab moderne Rechner für die Bildverarbeitung, html haben wir en passant gelernt, während an anderen Instituten noch Rechenschieber verwendet wurden.“ Das Thema war Partnerwahl, Flirt und Geruch und seine Diplomarbeit verfasste Fauma über Kleidung als nonverbales Kommunikationsmittel: „Wir waren Samstagnacht in Diskotheken und Clubbings unterwegs – das war unser Labor. Wir haben Menschen gefilmt, ihnen Hormonproben abgenommen, sie an T-Shirts riechen lassen. Die BBC war ständig hinter uns her, weil dort sehr zeitgemäße Forschung betrieben wurde.“
Aus seiner Zeit dort (1996-2000) hat er evidenzbasiertes Denken, wissenschaftliches Sprechen und die Fähigkeit, „Bullshit zu erkennen“ mitgenommen. Die Ausrichtung auf „Wissenschaft für die Gesellschaft“ äußerte sich am Institut als Forschung für das Stadtgefüge, etwa zu Wasser im öffentlichen Raum oder Bewegungslenkung. Da an der Universität letztlich nur eine halbe Assistentenstelle verfügbar war, die eine talentierte Kollegin besser ausfüllte, brachte er seine Fähigkeiten danach erfolgreich in Human Ressources, Körpersprache, Präsentationstechnik und Medientrainings ein. Später baute er bei der Agentur bettertogether die Trainingsunit auf und wurde Partner. Sich aus einer Leitungsposition selbstständig zu machen, nennt er die beste Entscheidung seines Lebens, „da man nur sich selbst verantwortlich ist und nicht den Unsicherheiten einer Anstellung unterliegt. Zudem konnte ich meine Tochter besser unterstützen.“
Hat sein Publikum, wir alle, die wir Smartphones und KI als Fernbedienung für unser Leben begreifen, ein Gespür dafür, dass unsere Hard- und Software in der Steinzeit geprägt wurde? „Nein. Das Wissen zur Hominiden-Evolution muss man sich anlesen und kann es nur mit viel Selbstreflexion spüren. Aber meine Geschichten werden gerne gehört, die Menschen nicken, oder haben einen Aha-Moment.“ Als Speaker erzählt er im Regelfall nichts Neues, wiewohl er ständig liest, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Sein USP sind die Erklärungen dahinter. „Wenn ich einen Ungustl als Kollegin oder Vorgesetzten habe, dann kann ich mit dem Input ein wohlwollenderes Menschenbild pflegen und sagen: Du kannst heute auch nicht aus deiner Affenhaut raus, aber wir sitzen im selben Boot und ticken alle sehr ähnlich.“ Alles, was er erzählt, kann er evidenzbasiert herleiten. Manche vielzitierte Studie zerreißt er in der heißen Luft darüber, „denn das war gleich das Erste, was wir im Dissertantenseminar gelernt haben.“
Es stellt sich die Frage, ob Frauen* und Männer* gleichermaßen von seinen Erkenntnissen profitieren: „Nicht an jedem Arbeitsplatz braucht es einen Silberrücken. Wenn die Gruppe zulässt, dass du dein Talent ausleben kannst, weil sie davon profitiert, sei es im caring, nursing, fighting oder providing – dann kannst du diese Rolle geschlechterunabhängig ausfüllen.“ Es ist vielmehr so, dass wir in Beobachtungen stets unsere Wertsysteme hineintragen. Ein geglücktes Leben kann aber sicher nicht nur an der Spitze einer Hierarchie gelingen.
Den Job als Keynote Speaker entdeckte er, nachdem er bereits etliche Menschen für Vorträge gecoacht hatte und auf sich selber hörte. Gregor Fauma ist ein Erwachsenenbildner, der Unterhaltung als Methode mit humorvoller Provokation verbindet, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu bündeln. Die Wissenschaft ist nach wie vor sein Zuhause auch wenn er seine Sprache anpassen muss, um sie zugänglicher zu machen.
Im Coaching begleitet er Klient:innen jeden Alters und daraus leitet eine zweite Empfehlung ab: Möglichst früh in der Karriere in Selbsterfahrung zu gehen, um über Verhalten und Denkmuster zu reflektieren. Ihm selbst hat das geholfen, seinen Zynismus zu kontrollieren und die Fähigkeit, Schwachstellen bei anderen zu erkennen, konstruktiver einzusetzen: „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass gewaltfreie Kommunikation, ein Konzept von der Würde des Menschen und Selbsterfahrung in jedes Schulcurriculum gehören. Denn in dieser Fähigkeit Muster nicht immer zu bedienen, liegt vielleicht wirklich der Unterschied zu anderen Tieren.“
