icon / home icon / small arrow right / light News icon / small arrow right / light Ein aufbauender Forschergeist
02 Juli 2025 von Ludwig Boltzmann

Ein aufbauender Forschergeist

Burkhard Klösch forscht seit mehr als zwei Jahrzehnten an zwei unterschiedlichen Ludwig Boltzmann Instituten. Gerade ist er dabei, eine weitere Kooperation innerhalb der Gesellschaft einzufädeln, um der Behandlung von Osteoporose einen Schritt näherzukommen. Seit 2008 bringt er ein „Rezept aus der Antike“ in eine moderne Form.

Die Osteoarthritis (umgangssprachlich Arthrose), ist der degenerative Abbau von Knorpel in Gelenken. Ein „Volksleiden“, für das es noch keine wirksamen Therapien gibt. Neben großen Gelenken wie Knie, Hüfte und Schulter sind auch oft die Fingergelenke betroffen – mit entsprechenden Einschränkungen im Alltag. Zahlen aus Deutschland belegen, dass ab dem 60. Lebensjahr ein Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen an Arthrose leiden. Genau in dieser Statistik wurzelt der Antrieb von Burkhard Klösch, der seit mehr als zwei Jahrzehnten erforscht, wie Knorpel und Knochen vor dem Abbau geschützt und im Idealfall wieder regeneriert werden können. „Neben dem Knorpelabbau beschäftige ich mich mit Knochenabbau – von Osteoporose sind ebenfalls mehrheitlich Frauen – vor allem in der Menopause betroffen. Beides zusammen betrifft jedes Jahr mehrere hunderttausend Menschen in Österreich“.

Mit diesem Bemühen löst er die Mission der Ludwig Boltzmann Gesellschaft – Wissenschaft für die Gesellschaft zu erbringen – recht direkt ein. Begonnen hat er seine Karriere 2003 am LBI für Traumatologie in Wien mit der Forschung zu Knochenregeneration und Wachstumsfaktoren. Mit dem Wechsel an das LBI für Arthritis und Rehabilitation 2008 richtete er seinen Fokus auf Schwefelwasserstoff als Therapieoption für Knochen und Gelenke. Der Key Researcher leitet derzeit eine Außenstelle am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Karl-Franzens-Universität Graz. Die Struktur des LBI für Arthritis und Rehabilitation unterstützt zudem die nahtlose Verbindung von Grundlagenforschung mit angewandten Use-Cases wie zum Beispiel der Rehabilitation in Zusammenarbeit mit der Pensionsversicherungsanstalt (PVA).

Seit der Antike und bis heute werden schwefelhaltige Bäder genommen, um Gelenksschmerzen zu lindern. Doch Schwefelwasserstoff (H2S) von der äußerlichen in eine innerliche Anwendung bei entzündlichen und degenerativen Gelenkserkrankungen zu bringen, ist schwierig: Das Molekül ist kurzlebig, seine Freisetzung kaum kontrollierbar und in hohen Dosen toxisch. Der Molekularbiologe und Pharmakologe konzentriert sich deshalb auf die chemische Synthese von Trägermolekülen, die H2S kontrolliert, in niedrigen Dosen und nur innerhalb der Zelle in bestimmte Zellorganellen freisetzen sollen. Ein guter Zeitpunkt, um über eine lange Forschungskarriere zu sprechen, die natürlich auch Durchhänger und Misserfolge kennt: „Ob es sinnvoll ist weiterzumachen, habe ich mich mehrfach gefragt, gerade nach Rückschlägen. Da ist man frustriert und verzweifelt, aber versucht gerade in dieser Phase neue Ideen zu kreieren. In meinem Fall half oft das Literaturstudium, also Ansätze aus Publikationen im Kontext der eigenen Arbeit zu nutzen. So ist es immer wieder gelungen, ein Stück weiterzukommen.“ In dieser Hinsicht ist er mehr der „stilles Kämmerchen“-Typ. Die jeweils aktuelle Forschungsfrage hat sich für ihn jedenfalls stets automatisch aus der vorherigen ergeben.

Entscheidende Schritte sind seit 2011 mit der Université Paris Descartes in Zusammenarbeit mit Erwan Galardon gelungen. Als „Trägermoleküle“ stehen drei COX-2 Inhibitoren (Aspirin, Naproxen und Ibuprofen) im Fokus. Ein erstes Screening von Wirkstoffkandidaten wurde in Zellkulturen durchgeführt. Von ursprünglich 30 synthetisierten Substanzen blieben drei, die sich als nicht toxisch erwiesen. Im nächsten Schritt wurden diese sowohl in einem in vitro Modell für Entzündungen als auch in einem Modell für Knochenabbau getestet. In beiden (!) zeigte sie jeweils die erwünschte Wirkung. Künftig hängen für den steirischen Forscher also – wie im menschlichen Körper – Gelenke und Knochen inhaltlich zusammen. Um die doppelt nützlichen Moleküle weiter zu testen und in die Wirkstoffentwicklung zu bringen, sind aufwändige Tierversuche notwendig. Dafür braucht es noch mehr Vorarbeiten und weitere finanzielle Mittel. Also hat Burkhard Klösch nun eine Kooperation mit dem LBI für Osteologie in Wien eingefädelt: „Wir wissen noch zu wenig über die Substanzen, also gehen wir ‚back to the roots‘ und versuchen den Mechanismus aufzuklären – jetzt mit Brainpower und Tools von drei Instituten.“

Burkhard Klösch hat sich nie habilitiert, aber immer wieder Forschungsgruppen geleitet. Als er sich vor einigen Jahren probeweise in der Pharmaindustrie vorstellte, wurde ihm klar, dass er sich dort nicht wohlfühlen würde. Er hat seine Karriere fast durchgehend außeruniversitär in Österreich verfolgt. „Ein Zufallsprodukt“, sagt er, wobei er allen Nachwuchsforschenden einen Auslandsaufenthalt ans Herz legen würde. Nach dem Doktorat am Institut für Pharmakologie und Toxikologie war er nach drei Jahren in der Pathologie am Klinikum Graz auf Jobsuche. Sein damaliger Chef erzählte ihm von einer fixen Stelle am LBI für Traumatologie in Wien: „Ich war sofort Feuer und Flamme und nach Wien wollte ich ohnehin. Also habe ich binnen weniger Wochen meine Zelte in Graz abgebrochen und wurde Gruppenleiter an diesem sehr gut ausgestatteten Institut.“

Wie er gestrickt ist, verdeutlicht neben der Studienwahl auch eine Anekdote aus einem Krankenhaus in Wien. Doch der Reihe nach. Eigentlich wollte Burkhard Klösch, geprägt durch seinen Vater, einem Elektrotechniker und Hobby-Naturforscher, Botanik studieren. Sein Studienkollege überzeugte ihn jedoch vom neuen Molekular- und Mikrobiologiestudium (Studium irregulare), das 1987 in Kooperation von TU Graz und Uni Graz gestartet wurde. „Er hat gesagt, dass er das Studium der Botanik nicht sehr zukunftsweisend fände. Wir waren eine kleine Gruppe von etwa zehn Studierenden, die den Studienplan noch beim Ministerium einreichen mussten.“

Die meisten seiner Kollegen sind auch Forscher geworden: „Es macht einen riesigen Unterschied, ob du alleine auf weiter Flur forschst oder in eine bestehende, gut funktionierende Arbeitsgruppe integriert wirst. Ich habe von Null sukzessive Aufbauarbeit geleistet und wie es derzeit aussieht, trägt das langsam Früchte.“ Er erinnert sich an seinen ersten Arbeitstag am Kaiser Franz Josef Spital 2008, als er erst die – teilweise in die Jahre gekommenen – Geräte abstauben musste. Er wurde in ein kleines Labor geführt mit den Worten: „Herr Dr. Klösch, da fangen Sie an, tun Sie was.“

Als seinen Mentor und Motivator bezeichnet er Prof. Günter Steiner von der Rheumatologie am AKH Wien: „Er ist genauso ein Schwefel-Fan wie ich und wir haben beide 2008 am LBI für Arthritis und Rehabilitation angefangen. Er allerdings als neuer Institutsleiter und ich als Senior Scientist. Über den gemeinsamen Neuanfang haben wir uns gefunden und dank seiner jahrelangen Unterstützung forsche ich immer noch an einem Projekt, das schon mehrere Male vor dem Aus stand.“ Wichtige Benchmarks sind für Burkhard Klösch die regelmäßigen Instituts-Evaluierungen zum wissenschaftlichen Output, zu denen er über Jahre hinweg seinen Beitrag leistet.

Eine wirksame Substanz auf den Weg zu bringen, ist sein Traum: „Wir werden die selbst entwickelten Substanzen weiter testen und hoffentlich bald patentrechtlich schützen können. Innerhalb der Boltzmann Gesellschaft ist das Thema Intellectual Property vertraglich klar geregelt. Zudem bekomme ich durch den internen Forschungsverbund Zugang zu Infrastruktur und klinischen Ressourcen wie zum Beispiel an der KFU Graz oder MedUni Wien. Aus meiner langen Forschungskarriere kenne ich bereits einige Kolleg:innen, was es weiter vereinfacht meine Forschung voranzutreiben. Wir ziehen intern alle Kräfte zusammen, um keine Zeit mehr zu verlieren.“

Sein Antrieb kommt aus dem Leidensdruck der Patient:innen, die nötige Energie generiert Burkhard Klösch seit seinem 18.Lebensjahr aus dem Sport und in der Natur: im Fitnesscenter und auf dem Mountainbike. Der Tierfreund lebt mit zwei geretteten Mischlingshunden und drei Katzen zusammen und spielt leidenschaftlich gerne Blockflöte und Klavier – sein Lieblingskomponist ist Vivaldi: „Musik und Wissenschaft passen sehr gut zusammen, denn für beides ist Kreativität und ein spielerisches Element wichtig.“