Die unsichtbaren Heldinnen der Spionage
Am 5. Dezember ist der Tag der Geschlechterforschung. Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft nimmt dies zum Anlass, die Rolle von Frauen in der Geschichte der Spionage näher zu beleuchten. Mag. Dieter Bacher, Senior Researcher am LBI für Kriegsfolgenforschung und am Institut für Geschichte der Universität Graz, forscht aktuell im Rahmen eines FWF-Projektes zu tschechoslowakischen Nachrichtendiensten in Österreich und gibt in einem Interview spannende Einblicke in die Welt der Spioninnen.
Herr Mag. Bacher, was sind typische Spionageaufgaben?
Mag. Bacher [B]: Das lässt sich leicht zusammenfassen: Es geht um das Sammeln und Verarbeiten von Informationen. Wenn man an Spion:innen denkt, haben viele gleich Charaktere wie James Bond im Kopf. Hier muss man allerdings vorsichtig sein. Einerseits deckt die Arbeit von James Bond nur einen sehr kleinen Teil der nachrichtendienstlichen Arbeit ab – der sogenannten ‚Covert Actions‘ – also der verdeckten Operationen. Anderseits kommt James Bond eigentlich erst dann zum Einsatz, wenn die eigentliche Spionage schon abgeschlossen ist. Es wurden also bereits die relevanten Informationen gesammelt, die richtigen Personen identifiziert etc. Daher kann man James Bond nur bedingt als Spion betrachten – wobei wir in der Forschung mit dem Begriff Spion generell sehr vorsichtig umgehen. Wir sprechen hier vor allem von Informant:innen.
Wie sieht es mit dem Geschlechterverhältnis in der Spionage aus? Gibt es Unterschiede bei den Aufgaben, die Frauen übertragen werden?
[B]: Prinzipiell gibt es in diesem Bereich bis dato wenig offizielle Statistiken, auf die wir in der Forschung zurückgreifen können. Was wir jedoch sehr wohl in Hinblick auf den Kalten Krieg sehen, ist dass sowohl Männer als auch Frauen für geheimdienstliche Aufgaben eingesetzt worden sind. Wir stellen fest, dass Frauen in sehr ähnlichen Bereichen wie Männer als Informant:innen aktiv waren. Natürlich gab es auch die sogenannten ‚Honey Traps‘ – also Agentinnen, die ihr Aussehen benutzten, um an Männer und an Informationen heranzukommen. Wie das Beispiel Mata Hari zeigt. Sie wurde vor allem in der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges als exotische Tänzerin und exzentrische Künstlerin berühmt und war vermutlich als Spionin des deutschen Nachrichtendienstes aktiv. Diese Vorgehensweise gab es zwar in der Praxis und gibt es auch noch heute, aber das war nur ein kleiner Teil. Das männliche Pendant sind übrigens die ‚Romeos‘ – die wurden bspw. seitens der ehemaligen DDR eingesetzt, um über Sekretärinnen in Ministerien Westdeutschlands an Informationen zu kommen.
Wo wir Geschlechterunterschiede sehen, ist insbesondere in höheren Ebenen und bei bestimmten Aufgaben wie den sogenannten Covert Actions. Dennoch waren Frauen in ähnlichen Bereichen tätig wie Männer, jedoch mit gewissen Einschränkungen.
Welche Rolle spielt die Geschlechterforschung in der Spionagegeschichte?
[B]: Die Geschlechterforschung in der Spionagegeschichte ist mit Sicherheit noch am Anfang, aber es gibt Bemühungen, über das stereotype Bild der Frau hinauszugehen. Wir schauen uns bspw. weibliche Biografien an, um zu verstehen, warum Frauen diese Arbeit aufgenommen haben, welche Tätigkeiten sie durchgeführt haben und wie sie diese umgesetzt haben.
Können Sie dafür Beispiele nennen?
[B]: Als Beispiel kann ich hier Edith Tudor-Hart nennen, die österreichisch-britische Fotografin und Agentin de sowjetischen Auslandsaufklärung. Tudor-Hart, Mädchenname Edith Suschitzky, ist aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei verfolgt worden und 1933 nach London emigriert. Edith Tudor-Hart hat über ihre kommunistischen Kreise in Wien bereits Leute rund um Kim Philby, eines der wichtigsten Mitglieder der bekannten ‚Cambridge Five‘ (Spionagering des NKWD und später des KGB) kennengelernt und hat – soweit wir wissen – auch bei seiner Anwerbung eine Schlüsselrolle gespielt. Und dies ist nicht über eine ‚Honey Trap‘ geschehen, wie man vermuten würde. Sie hat seine Gattin gekannt und über sie entstand schließlich die Verbindung. So war Tudor-Hart dann auch für das Netzwerk der Cambridge Five als Kurierin sowie als Mitglied des Netzwerkes tätig.
Edith Tudor-Hart war hier in gleicher Funktion, wie sie auch Männer erfüllt haben. In diesem Fall war nicht das Geschlecht ausschlaggebend, sondern die politisch ideologische Überzeugung. Und, dass Trudor-Hart überzeugte Kommunistin war, ist ja bekannt.
Gibt es Unterschiede in der Art und Weise, wie Österreich im Vergleich zu anderen Ländern Spioninnen einsetzt oder behandelt?
[B]: Da sind wir mit unseren Forschungen zu den österreichischen Diensten noch nicht weit genug, um das zu beurteilen. Was wir aber natürlich sagen können: Österreich ist durchaus ein Operationsgebiet für Spioninnen. Das zeigt beispielsweise im Jahr 2010 der größte Agentenaustausch zwischen den USA und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges am Flughafen in Wien.
Aber auch die Nutzung geschlechterspezifischer Klischees, wie im Fall einer CIA-Operation in Wien in den 1980er Jahren, war durchaus üblich. Hier war eine Mitarbeiterin des amerikanischen CIA in Wien in den 1980er Jahren wesentlich an der Aufdeckung eines norwegischen Spions des KGB beteiligt. Im Zuge eines Treffens mit einem Kontaktmann, hat sich die CIA das damalige Frauenbild zu Nutze gemacht, eine Kamera in einem Kinderwagen versteckt und die CIA-Mitarbeiterin zum Treffen geschickt. Eine Frau mit Kinderwagen ist damals nicht weiter aufgefallen – bei einem Mann wäre dies schon anders gewesen. Also diese Geschlechterbilder hat man bewusst reproduziert, um zum Beispiel unauffällig Observationen durchzuführen.
Wie hat sich die Wahrnehmung und Anerkennung von Spioninnen in der Öffentlichkeit im Laufe der Zeit verändert?
[B]: Früher wurde die Rolle von Spioninnen oft auf eine sexuelle Komponente reduziert. Da hat man die Frau als die gesehen, die sich an den Mann heranmacht, um an seine Informationen zu kommen. Heute verstehen wir mithilfe der Forschung, dass Frauen in der Spionage jedoch vielfältige Aufgaben übernommen haben und ähnlich in ihren Funktionen aktiv waren wie Männer. Wobei – wenn ich mir aktuelle Filme oder Bücher zum Thema Spionage ansehe, fällt schon auf, dass dieses differenzierte Bild meines Erachtens noch nicht so richtig angekommen ist.
Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Erkenntnisse oder Lehren, die aus der Geschlechterforschung im Bereich der Spionage gezogen werden können?
[B]: Wir müssen ein differenzierteres Bild von Frauen in der Spionage zeichnen. Frauen sind genauso vielseitig einsetzbar wie Männer. Es gibt spezifische Zugänge in bestimmten Bereichen, aber insgesamt müssen wir breiter denken und die Geschlechterforschung konsequent weiter vorantreiben.
Mag. Dieter Bacher, geb. 1981 in Leoben, ist seit 2006 Senior Researcher am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung und am Institut für Geschichte der Universität Graz. Er widmet sich als Zeithistoriker in seinen Forschungen vor allem den Aktivitäten von Geheim- und Nachrichtendiensten im Österreich des Kalten Krieges.