20 Mai 2025 von Ludwig Boltzmann

Behandlung von Hirntumoren: „Österreich hat hier ein Alleinstellungsmerkmal etabliert.“

Die Behandlung von Glioblastomen – besonders aggressiven Hirntumoren – stellt die moderne Medizin weiterhin vor große Herausforderungen. Die ATTRACT-Studie unter der Leitung von Assoc.-Prof. PD Dr. Anna Berghoff verfolgt einen innovativen Ansatz.

Statt standardisierter Therapien setzt das Team auf hochindividualisierte Behandlungen. Durch die Untersuchung lebender Tumorzellen will man herausfinden, welches Medikament bei der:dem jeweiligen Patient:in am wirksamsten ist. Im Interview verrät sie, wieso genau dieser spezielle Tumor so schwer zu behandeln ist und warum Österreich ein Alleinstellungsmerkmal bei der Suche nach einer geeigneten Behandlungsmethode etabliert hat.

 

Sie forschen an der Behandlung von Patient:innen mit Gehirntumoren – konkret dem Glioblastom. Was ist das Ziel der ATTRACT-Studie?

Berghoff: Das Glioblastom ist eine Erkrankung, die leider mit einer sehr schlechten Prognose einhergeht – viele unserer Patient:innen versterben daran. Genau das war der Auslöser dafür, dass wir die Klinische Forschungsgruppe (KFG) konzipiert und ins Leben gerufen haben.

Unser Ziel ist klar: Wir wollen die Überlebenschancen der Betroffenen verbessern. Kurz gesagt: Wir versuchen, die Therapie für jede:n einzelne:n Patient:in zu optimieren – indem wir möglichst genau vorhersagen, welches Medikament bei der jeweiligen Person am wirksamsten ist.

Wie genau funktioniert Ihr Ansatz, um die individuell wirksamste Krebstherapie zu finden?

Berghoff: Konkret läuft das so ab: Während der Operation wird Tumormaterial entnommen – also Zellen des Tumors. Diese Tumorzellen bringen wir innerhalb von 24 Stunden nach Graz, wo sie lebendig gehalten werden. Dort testen wir an diesen lebenden Zellen, welches Medikament im individuellen Fall am wirksamsten sein könnte.

Warum war es Ihnen wichtig, diese Forschung im Rahmen einer KFG zu betreiben?

Berghoff: Das Programm der Klinischen Forschungsgruppe der Ludwig Boltzmann Gesellschaft eröffnet die Möglichkeit, klinische Studien durchzuführen, die sonst kaum eine Chance auf Finanzierung hätten.

Wir leben in einer Welt, in der Industrie – und insbesondere die Finanzierung – eine zentrale Rolle spielt. Das gilt natürlich auch für die Medizin. Viele Studien finden nur deshalb statt, weil ein Unternehmen, meist eine Pharmafirma, ein konkretes Interesse daran hat.

Sie meinen kein finanzielles Interesse.

Berghoff: Genau. Und genau hier entsteht immer wieder dasselbe Problem: Es gibt diese Studien, die so unglaublich wichtig wären, für die es aber eben keine finanziellen Anreize gibt – und deshalb werden sie nicht durchgeführt.

Das ist eine große Diskrepanz. Denn unser eigentliches Ziel in der Medizin ist es, das Überleben von Patient:innen zu verbessern – und nicht, möglichst viel Geld zu verdienen.

Glücklicherweise schließt die KFG der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) genau diese Lücke. Sie ermöglicht Studien, für die es sonst keine Finanzierung gäbe – Studien, an denen niemand ein kommerzielles Interesse hat, die aber enorm wichtig für die medizinische Praxis sind. Studien, die tatsächlich einen Unterschied machen.

Was macht die Behandlung dieses speziellen Hirntumors zu so einer großen Herausforderung?

Berghoff: Das Glioblastom ist eine besonders schwierig zu behandelnde Erkrankung, da Betroffene in der Regel eine verhältnismäßig sehr kurze Lebenserwartung haben. Der Grund dafür ist, dass es uns bisher nicht gelungen ist, die Krebszellen im Gehirn der Patient:innen zu zerstören. Diese Zellen bleiben bestehen, und trotz aller Bemühungen und der Entwicklung neuer, vielversprechender Medikamente zeigten diese bisher nicht die erhoffte Wirkung. Unser Hauptproblem ist, dass kein Medikament – egal wie fortschrittlich, teuer oder gut konzipiert es auch sein mag – bislang in der Lage war, diese Zellen zu vernichten.

Und welche neuen Wege gehen Sie jetzt, um eine Behandlung zu verbessern?

Berghoff: Wir sind einen Schritt zurückgegangen und haben uns gefragt: Wie können wir das besser messen? Gibt es eine Mutation oder einen Marker, den wir identifizieren müssen? Doch bei unserer Recherche haben wir festgestellt, dass es keinen solchen Marker gibt. Stattdessen mussten wir noch einen weiteren Schritt zurückgehen. Wir haben erkannt, dass wir die Zellen selbst nehmen müssen, das Medikament direkt darauf anwenden und beobachten, welches tatsächlich in der Lage ist, diese Zellen zu zerstören.

Kurz: Wir untersuchen die Zellen dieser Menschen, um herauszufinden, welches Medikament die höchste Wirkung zeigt. Das ist der Kern dessen, was wir hier tun, und weshalb wir glauben, dass die personalisierte Medizin in diesem Bereich bislang nicht gegriffen hat.

Wenn man als Fachfremde Person an die Behandlung von Krebs denkt, kommt einem meist eine Chemotherapie in den Sinn. Wieso wirkt diese bei einem Glioblastom nicht, oder nur begrenzt?

Berghoff: Beim Glioblastom haben wir nur wenige Chemotherapien, die wirklich gut wirken. Das liegt daran, dass diese Tumorzellen, leider sehr „schlau“ sind und zahlreiche Strategien entwickelt haben, um zu überleben. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Unsere Chemotherapie hat Schwierigkeiten, ins Gehirn zu gelangen. Der Grund dafür ist die sogenannte Blut-Hirn-Schranke.

Die Blut-Hirn-Schranke besteht darin, dass die Gefäße im Gehirn besonders eng sind, sodass kaum Stoffe durch diese Barriere gelangen können. Das ist eigentlich ein sehr nützlicher Schutzmechanismus unseres Körpers, denn er schützt das Gehirn davor, von schädlichen Substanzen vergiftet zu werden. Im Alltag ist das natürlich ein großer Vorteil, weil wir uns sonst bei jeder kleinsten Vergiftung stark verwirrt fühlen würden und kaum noch zurechtkämen.

Allerdings ist genau dieser Mechanismus im Fall eines Tumors das Problem. Insgesamt kommen zwei Faktoren zusammen, die dazu führen, dass die Chemotherapie beim Glioblastom nicht gut wirkt. Einerseits haben die Zellen viele Mechanismen entwickelt, um den toxischen Effekten der Chemotherapie zu entkommen und zu verhindern, dass diese Zellen abgetötet werden. Und andererseits haben wir das Problem, dass nur sehr wenig Chemotherapie-Moleküle überhaupt zu unserer Zelle hinkommen, weil die Gefäße eben verhindern das das Gift der Chemotherapie – und es ist nun mal Gift – überhaupt da hinkommt.

Wir glauben jedoch, dass die Stoffe, die wir bei ATTRACT untersuchen, Vorteile bieten. Viele dieser Stoffe sind keine klassischen Chemotherapien, sondern sogenannte Small Molecules. Diese kleinen Moleküle zielen sehr spezifisch auf bestimmte Signalwege innerhalb der Zellen ab und inhibieren diese, was potenziell zu einer besseren Wirkung führen könnte.

Wie kann sich das ein Laie vorstellen?

Berghoff: Man muss sich das so vorstellen: Eine Zelle funktioniert mit Botenstoffen. Diese Botenstoffe werden von der Zelle aufgenommen und geben ihr das Signal, zu wachsen – quasi, um in eine bestimmte Richtung zu gehen. Das Molekül, das wir untersuchen, blockiert diesen Signalweg und verhindert diese Reaktion. Der Vorteil dabei ist, dass viel weniger Stoff benötigt wird – weniger Moleküle müssen ankommen, um diesen Effekt zu erzielen.

Die Moleküle, die wir in ATTRACT untersuchen, sind zudem kleiner und haben dadurch das Potenzial, besser die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Deshalb gehen wir davon aus, dass diese Medikamente, die wir testen, speziell darauf ausgerichtet sind, besser zum Glioblastom vorzudringen und eine höhere Wirkung zu entfalten als klassische Chemotherapien.

Die KFG befindet sich mittlerweile im zweiten Jahr. Was für ein Zwischenfazit würden Sie gegenwärtig ziehen? Erwarten Sie weitere Herausforderungen, und wenn ja: Welche?

Berghoff: Zusammengefasst darf ich einmal verraten: Ich bin Berufs-Optimistin. Ich glaube, das muss man auch sein, wenn man Onkologin ist und Patient:innen mit einer Krankheit behandelt, die man nicht heilen kann.
Da sollte man schon einen sehr optimistischen Blick auf die Dinge haben. Und das hilft bei diesem Projekt sehr. ATTRACT läuft allgemein wirklich sehr gut. Ich habe das große Glück, mit sehr, sehr vielen motivierten Menschen zusammenzuarbeiten.

Wie wichtig ist die überregionale Zusammenarbeit in der onkologischen Forschung – und warum war gerade Österreich der richtige Ort, um ein so komplexes Projekt wie die ATTRACT-Studie umzusetzen?

Berghoff: Wir sind ein österreichweites Netzwerk, in dem alle großen onkologischen Zentren des Landes zusammenarbeiten. Durch dieses Projekt sind wir als Team enorm zusammengewachsen, was uns sehr effizient macht. Besonders bei der Lösung von Problemen können wir uns gegenseitig unterstützen und bringen immer wieder neue Ideen hervor. Wann immer ein Problem auftauchte, führte dieses Netzwerk dazu, dass wir gemeinsam eine Lösung fanden und das Projekt letztlich erfolgreich umsetzen konnten.

Die ATTRACT-Studie ist bereits im Kern sehr komplex – umso glücklicher sind wir, dass wir diese Idee gerade in Österreich realisieren konnten. Hier sind die gesetzlichen Vorgaben so gestaltet, dass diese Unternehmung überhaupt durchführbar ist.

Sind Sie während der laufenden Studie auf neue Herausforderungen gestoßen, mit denen Sie zu Beginn nicht gerechnet haben?

Berghoff: Definitiv. Am Anfang haben wir es uns einfacher vorgestellt. Diese Studie ist ein riesiger logistischer Aufwand. Und das betrifft nicht nur den Transport der Zellen innerhalb von 24 Stunden nach Graz.

Man muss bedenken: Wir müssen nahezu alle Patient:innen in Österreich, bei denen ein Verdacht auf einen Gehirntumor besteht, direkt fragen: „Wollt ihr mitmachen? Seid ihr bereit, eure Tumorzellen nach Graz zu schicken, wo sie lebendig gehalten werden?“

Erst dann können wir überhaupt beurteilen, ob diese Patient:innen für unsere spezifische Fragestellung in der Studie infrage kommen. Das ist eine enorme logistische, ethische und organisatorische Herausforderung, durch die wir uns erst einmal durcharbeiten mussten – aber zum Glück konnten wir bislang für alles eine Lösung finden.

Gerade deshalb bin ich wirklich dankbar, dass wir dieses Netzwerk haben – und die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die das ermöglichen, inklusive der Finanzierung durch die Ludwig Boltzmann Gesellschaft.

Die ATTRACT-Studie ist tatsächlich nur durch das besondere Standing der Klinischen Forschungsgruppe der Ludwig Boltzmann Gesellschaft möglich. LBG hat hier wirklich fundamentale Arbeit geleistet.

Inwiefern?

Berghoff: Ein solches Funding aufzustellen, ist international gesehen eine Seltenheit: Öffentliches Geld, das gezielt dafür eingesetzt werden darf, klinische Studien zu ermöglichen – Studien, die medizinisch dringend notwendig, aber für keine Firma wirtschaftlich interessant sind.

Das Programm „Klinische Forschungsgruppen“ der Ludwig Boltzmann Gesellschaft füllt eine ganz zentrale Lücke in der Forschungslandschaft Österreichs. Es ermöglicht nämlich die Förderung von Studien, an denen kein finanzielles Interesse besteht – und genau das ist eine echte Besonderheit. Österreich hat hier ein Alleinstellungsmerkmal etabliert.

Damit können nun Fragen beantwortet werden, die für Patient:innen wirklich essenziell sind.