Übersicht
Das vorliegende Dossier bietet eine Einführung zum Thema Nanovesikuläre Präzisionsmedizin und zum neugegründeten LBI NVPM in Salzburg.
Einleitung
Kleine Bläschen, große Wirkung: Nanovesikel wurden in Biologie und Medizin lange Zeit unterschätzt, bis vor etwa 15 Jahren ihr Potenzial als zelluläres Kommunikationssystem entdeckt wurde. Nun widmet sich das Ludwig Boltzmann Institut für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin dieser vielversprechenden Forschungsrichtung in einem umfassenden Ansatz.
Präzision ist das Schlagwort der modernen medizinischen Forschung. Ob es darum geht, Krankheiten zu heilen oder ihnen vorzubeugen, der Schlüssel liegt darin, zur richtigen Zeit am richtigen Ort im Krankheitsgeschehen anzusetzen. Zelluläre Transportbläschen, oder Vesikel (lat.: vesicula = Bläschen), könnten genau das leisten. Entweder indem sie als zielgerichtetes Versandsystem für Wirkstoffe dienen oder indem man ihre natürliche Wirkung auf den Organismus, beispielsweise das Immunsystem, nutzt. Mit der anwendungsorientierten Forschung zu diesen Zellbestandteilen trifft das Anfang 2024 gegründete Ludwig Boltzmann Institut für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin (LBI NVPM) den Zeitgeist moderner medizinischer Forschung.
Geleitet wird das Institut von Univ. Prof. Dr. Nicole Meisner-Kober, die mehr als 20 Jahre Erfahrung in der industriellen Wirkstoffforschung mitbringt. Das Institut positioniert sich an der Schnittstelle zwischen Forschung, Klinik und Industrie und erweitert den Life Science Cluster Salzburg mit dem Ziel, Präzisionsmedikamente zu erforschen und zu deren Entwicklung beizutragen.
Vesikel sind kugelförmige Zellkompartimente und funktionieren als Transportsystem, ähnlich einem Postsystem, bei dem frankierte Briefe an der richtigen Adresse ankommen müssen. Die Vesikel werden mit Oberflächenmerkmalen markiert, so dass sie an den vorgesehenen Ort im Organismus gelangen und ihre Fracht dort abgeben. Das ermöglicht präzise Therapien auch bei komplexen Krankheiten wie Krebs, neurodegenerativen Erkrankungen oder entzündlich-degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates.
Neben diesen Anwendungsfeldern werden am LBI für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin auch die notwendigen Technologien entwickelt, um die Vesikel als Therapeutika einsetzen zu können – angefangen bei der Herstellung und Qualitätskontrolle, über das klinische Monitoring bis hin zu Biomarkern für die Vorhersage von therapeutischen Reaktionen.
Diese anwendungsorientierte Perspektive wird durch die Vermittlung an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Medizin und Öffentlichkeit ergänzt. Regulatorische Aspekte, praktische Überlegungen aus der Herstellung sowie der Diskurs mit Kliniker:innen und Patient:innen werden von Beginn an berücksichtigt. So soll sichergestellt werden, dass die Ergebnisse den Weg aus dem Labor in die Anwendung finden.
Was ist nanovesikuläre Präzisionsmedizin?
Alle mehrzelligen Organismen basieren auf dem Austausch von Informationen. Um Nachrichten an andere Zellen oder Gewebe zu senden, produzieren Zellen kleine Bläschen, in denen sie molekulare Botschaften verpacken können. Diese Vesikel, oft als „Trojanische Pferde“ bezeichnet, bergen großes Potenzial für die Arzneimittelforschung.
Mit dem Verständnis pathophysiologischer Vorgänge im Körper wächst auch das Wissen darüber, welche Angriffspunkte gegen Krankheiten genutzt werden können. Die Entdeckung des interzellulären Kommunikationssystems über Vesikel eröffnet die Möglichkeit, molekulare Informationen – sowie auch Medikamente – gezielt über weite Strecken im Körper zu übertragen.
Schlüsselkonzept der Biologie
Vesikel sind ein evolutionär etabliertes Transportsystem, das in allen Lebensformen, Zelltypen und Gewebearten vorkommt. Sie sind sowohl im Zellinneren, im Zytoplasma, als auch im extrazellulären Raum zu finden. Je nach Typ und Funktion haben diese Vesikel einen Durchmesser von weniger als 50 bis etwa 1000 Nanometern und benötigen damit hochauflösende Mikroskopie, um sichtbar gemacht zu werden (siehe Abbildungen). Aufgrund ihrer Größe werden sie auch als Nanovesikel bezeichnet.
Durch die Bildung von Vesikeln werden innerhalb der Zelle eigene Zellkompartimente abgegrenzt. Dadurch schirmen Vesikel ihren Inhalt von der Umgebung ab. Vesikel sind von einer doppelten Lipidschicht umgeben, die anderen Membranstrukturen wie der äußeren Zellmembran oder zahlreichen intrazellulären Organellen ähnelt. Die Hülle schützt die molekulare Fracht im Inneren während dem Transport. Gleichzeitig werden andere Membranbestandteile, die in die Hülle eingebaut sind, an der Oberfläche exponiert und ermöglichen eine Wechselwirkung mit der Umgebung, beispielsweise Rezeptoren.
Unter bestimmten Bedingungen können Vesikel mit anderen Membranstrukturen fusionieren. Dies spielt eine wichtige Rolle beim intrazellulären Transport, zum Beispiel um Membranproteine von ihrem Herstellungsort im Zellinneren zur äußeren Zellmembran oder umgekehrt zu transportieren.
Ein bekanntes Beispiel für ihre Funktion in der interzellulären Kommunikation ist der Informationsaustausch an den Synapsen von Nervenzellen. Hier werden mit Neurotransmittern beladene Vesikel gelagert, die nach Eintreffen eines elektrischen Signals innerhalb weniger Augenblicke mit der Zellmembran verschmelzen. Dadurch geben sie die Neurotransmitter nach außen ab und leiten das Signal an die nächste Zelle weiter. Ein anderes Beispiel für die sekretorische Funktion von Vesikeln ist die Freisetzung von Hormonen.
Die Vielfalt der Vesikel
1967 wurden erstmals extrazelluläre Vesikel beschrieben. Damals entdeckte man, dass Blutplättchen (Thrombozyten) winzige Partikel absondern, die zunächst als „Plättchenstaub“ oder „zellulärer Staub“ bezeichnet und als funktionslos angesehen wurden. Erst Jahrzehnte später, als man die Wirkung dieser Vesikel auf das Immunsystem erkannte und sie außerdem als Mittel des interzellulären Informationsaustausches identifizierte, wurde ihre Bedeutung für den Organismus, sowie ihr Potenzial für biomedizinische Anwendungen deutlich.
Extrazelluläre Vesikel, die aktiv und kontinuierlich nach außen freigesetzt werden, können verschiedene makromolekulare Frachten transportieren, darunter Ribonukleinsäuren (RNAs), Proteine, Lipide und andere bioaktive Moleküle, mit denen sie spezifisch beladen sind. Wenn die extrazellulären Vesikel ihre Zielzelle erreichen, werden sie von dieser aufgenommen und ihre Fracht wird in die Zielzelle freigesetzt. Je nach Art der Botschaft setzen sie in der Empfängerzelle Reaktionen in Gang, beeinflussen deren Funktion oder können die zelluläre Entwicklung lenken.
Darüber hinaus kann das isolierte Kompartiment von Vesikeln auch von Zellen dafür genutzt werden, um unterschiedliche zelluläre Prozesse innerhalb der Vesikel getrennt voneinander ablaufen zu lassen. So gibt es spezielle Vesikel, sogenannte Lysosomen, in denen ein saurer pH-Wert von 4,5 bis 5 herrscht und in denen nicht mehr benötigte Zellbestandteile oder Bakterien abgebaut, lysiert, werden. In Peroxisomen wird Fett abgebaut und Alkohol umgebaut. Auch beim kontrollierten Zelltod (Apoptose) entstehen Vesikel, die mit besonders großen Durchmessern von bis zu 500 Nanometern von der Zelle abgeschnürt werden. Diese Apoptosekörperchen fragmentieren die Zelle und tragen auf ihrer Oberfläche Merkmale, die den Fresszellen des Immunsystems signalisieren, dass sie vernichtet werden müssen.
Potenzial für die Biomedizin
Vesikel werden heute in vielfältiger Weise für Anwendungen erforscht. Einerseits wurden nach dem Vorbild sehr einfacher Vesikel, den Liposomen, Medikamentenhüllen entwickelt, die bereits seit Jahren als zugelassene Arzneimittel eingesetzt werden, etwa gegen Krebsarten wie Leukämie oder Brustkrebs, gegen Infektionen oder in der Anästhesie.
Eine weitere interessante Entdeckung ist die Rolle der Vesikel im extrazellulären Raum, wo sie als Kommunikationsdrehscheibe dienen und zum Beispiel Zytokine, also Signalproteine, freisetzen können. Schließlich wird daran gearbeitet, extrazelluläre Vesikel natürlichen Ursprungs sowohl als Transportsysteme einzusetzen als auch ihre inhärenten Effekte auf das Immunsystem therapeutisch zu nutzen. Insgesamt decken Vesikel ein bisher nicht absehbares Spektrum an vermittelnden Aufgaben im Organismus ab. Ihre Erforschung steht erst am Anfang und verspricht großes Potenzial, um der Präzisionsmedizin neue Türen zu öffnen.
Ludwig Boltzmann Institut für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin
Am neu gegründeten LBI für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin wurden vier Forschungslinien eingerichtet, die sich dem Thema aus ihrer jeweiligen Perspektive widmen. Zusammen ergeben sie einen umfassenden Blick auf das therapeutische Potenzial von Nanovesikeln und die Herausforderungen auf dem Weg zu ihrer Anwendung.
Nanovesikuläre Wirkstoff-Shuttles
In der ersten Forschungslinie werden Nanovesikel als breite Plattform für den Wirkstofftransport untersucht. Als evolutionär optimierte „Verpackung“ für Medikamente könnten die Transportbläschen Wirkstoffe schonend, effizient und zielgerichtet in bestimmte Gewebe und dort an bestimmte Zellen transportieren. So kann einerseits die Verträglichkeit und Wirksamkeit bestehender Medikamente oder Wirkstoffkandidaten verbessert werden. Andererseits können dadurch auch ganze Klassen an Wirkstoffen erstmals nutzbar gemacht werden, die vom Körper schlecht aufgenommen und/oder schnell abgebaut werden. Solche neuartigen Wirkstoffe können RNAs, große Ribonukleoprotein-Komplexe vom Typ des CRISPR/Cas-Systems („Genschere“) für das Genome Editing oder andere neuartige Moleküle sein.
Im Mittelpunkt der Forschung stehen Fragen rund um die Isolation, Zusammensetzung und biologischen Funktion der Vesikel, ihre Spezifität für bestimmte Gewebe und Zielzellen und die methodische Vorgehensweise, um sie mit Wirkstoffen zu beladen. Außerdem widmet sich die Forschungslinie den praktischen Aspekten einer potenziellen Massenproduktion zur pharmazeutischen Herstellung, einschließlich wirtschaftlicher und nachhaltiger Fragestellungen.
Das Ziel der Forschungslinie liegt schließlich darin, geeignete Kandidaten für bestimmte, vordefinierte Krankheitsgruppen zu identifizieren. Dabei interessieren sich die Forschenden unter anderem für die Krebstherapie. Hier sollen Nanovesikel Wirkstoffe gezielt in Tumoren und Metastasen einbringen, ohne gesunde Zellen zu schädigen, wie es bei systemisch wirkenden Chemotherapien geschieht. Im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen wollen die Forschenden die Fähigkeit der Nanovesikel nutzen, die enge Barriere zu überwinden, die als Blut-Hirn-Schranke das Innere der Blutgefäße vom Hirngewebe trennt.
Ausschlaggebend für die Auswahl dieser beiden Krankheitsgruppen ist das Durchbruchspotenzial in diesen Bereichen. Hier ist eine therapeutische Entwicklung praktisch umsetzbar, es besteht ein hoher medizinischer Bedarf und eine gute Erfolgswahrscheinlichkeit ist gegeben. So sollen Therapeutika entwickelt werden, die oral verabreicht werden können und für deren Herstellung Nanovesikel aus Lebensmitteln oder Nebenprodukten, wie Molke, gewonnen werden können.
Native nanovesikuläre Therapeutika
Bestimmte Nanovesikel wirken auf natürliche Weise gegen chronische Entzündungen und fördern die Geweberegeneration. In der zweiten Forschungslinie sollen diese Eigenschaften nutzbar gemacht werden, um in Immunprozesse einzugreifen und neue Optionen für die Geweberegeneration zu schaffen. Dazu arbeiten die Forschenden im pharmazeutischen Herstellungslabor (GMP-Labor, Good Manufacturing Practice) der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU). Sie isolieren Vesikel aus menschlichem Gewebe, das primäre Stammzellen enthält, sowie aus menschlichen Blutplättchen und Milch.
Mit dieser Forschung will das Team neue Therapieansätze für verschiedene Anwendungsgebiete liefern. Die Forschenden untersuchen die natürliche Wirkung der Vesikel bei entzündlichen Reaktionen nach Gewebeverletzungen, sowie bei Fremdkörperreaktionen auf Implantate, Sehnenerkrankungen oder chronischen neuropathischen Schmerzen nach Operationen. Weitere Anwendungen zur Behandlung oder Prävention von lebensbedrohlichen Darmerkrankungen in Frühgeborenen werden hier ebenfalls untersucht.
Die Vesikel-basierten Medikamente sollen für lokale Anwendungen zur Verfügung stehen und müssen in reproduzierbaren Herstellungsprozessen nach den GMP-Kriterien gewonnen werden, um in eine Anwendung an Patient:innen überführt werden zu können. Daher definieren die Forschenden des GMP-Labors Qualitätsmerkmale für den therapeutischen Einsatz und entschlüsseln die bislang unbekannten Wirkmechanismen, die hinter dieser natürlichen Funktion der Vesikel stecken.
Dies erfordert auch die Etablierung neuer bioanalytischer Technologien, um die Handhabung und Qualitätskontrolle der therapeutischen Nanovesikel zu gewährleisten. Im Anschluss an die Untersuchungen auf der Ebene von Zellkulturen und tierischen Modellorganismen werden die Forschenden klinische Studien durchführen, um die Sicherheit und Wirksamkeit der therapeutischen Kandidaten zu prüfen.
Nanovesikuläre „theralytische“ Technologien
Das LBI für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin verfolgt eine klar anwendungsorientierte Forschungsstrategie. In diesem Rahmen ist die Erforschung der notwendigen technologischen Mittel als dritte Forschungslinie ein wesentlicher Bestandteil der zugrundeliegenden Vision.
Ziel dieser Forschungslinie ist es, die Analytik und damit die Qualitätssicherung von therapeutischen Nanovesikeln im großen Maßstab zu ermöglichen. Dazu wird ein Katalog von Technologien erarbeitet, mit denen Nanovesikel charakterisiert und kontrolliert werden können. Das bedeutet, dass sie beispielsweise auf Partikelgröße, Anzahl, elektrisches Potential, Oberflächenbeschaffenheit, Steifigkeit und Morphologie untersucht werden.
Ergänzt wird dies durch fortgeschrittene bildgebende Verfahren und Methoden zur Verfolgung der räumlich-zeitlichen Verteilung der Nanovesikel im Körper. Darüber hinaus werden messbare biologische Merkmale, sogenannte Biomarker, bestimmt, die nicht-invasiv und gut verträglich sind und zur Überwachung der Therapie und zur Vorhersage von therapeutischen Reaktionen eingesetzt werden können.
Diese „theralytischen“ (von „Therapie“ und „Analytik“) Methoden bauen auf den Ergebnissen aus einem Vorgängerprojekt auf, dem Transferzentrum für Extrazelluläre Vesikel Theralytische Technologien (EV-TT). Hier wurden bereits neue Technologien entwickelt. Nun soll die Palette verfeinert und vervollständigt werden, um einen universellen, aber anwendungsorientierten Werkzeugkasten für die Erforschung und Entwicklung therapeutischer Nanovesikel zu liefern.
Vermittlung zwischen Wissenschaft, Medizin und Öffentlichkeit
Die vierte und letzte Forschungslinie widmet sich der Vernetzung über den gesamten Prozess von der Grundlagenforschung bis hin zur klinischen Anwendung. Das Hauptziel des Instituts ist die Entwicklung von sicheren, wirksamen und gut verträglichen Präzisionsmedikamenten auf der Basis von Nanovesikeln.
Als therapeutische Entitäten sind Nanovesikel in der praktischen Anwendung noch Neuland, und müssen sorgfältige präklinische und klinische Studien durchlaufen. Das erfordert die Beachtung gesetzlicher Regelwerke, standardisierter Prozesse sowie eine interdisziplinäre Koordination zwischen unterschiedlichen Forschungsvorhaben, die Nanovesikel als Therapeutika untersuchen. Dabei profitiert das LBI für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin von einer Infrastruktur auf höchstem pharmazeutischen Qualitätsniveau und langjähriger Expertise in der Gewinnung von Therapeutika aus menschlichem Gewebe. Neben der Entwicklung und Herstellung nach GMP müssen auch ethische Standards eingehalten und Fragen der klinischen Anwendung, des Vertriebs und der Logistik geklärt werden.
Durch die aktive Einbindung aller Stakeholder versucht das LBI für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin, praktische Hürden bereits im Vorfeld zu überwinden. Daher werden Patient:innen, Gesundheitsfachkräfte, Diagnostikzentren, Industrie, Regulierungsbehörden, politische Entscheidungsträger:innen und die breite Öffentlichkeit von Beginn an im Rahmen der vierten Forschungslinie berücksichtigt. Im Sinne einer „Open Innovation in Science“ werden sie eingebunden und eingeladen, voneinander zu lernen und sich aktiv am Ideenaustausch zu beteiligen, um den Forschenden zusätzliche Perspektiven für die Entwicklung und Anwendung von therapeutischen Nanovesikeln zu eröffnen.
Das Institut im Fokus
Das LBI für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin wurde nach dem Motto „People, not Projects“ gegründet, mit dem Ziel, Freiräume für herausragende Wissenschaftler:innen zu schaffen, in denen sie Leistungen auf höchstem Niveau erzielen. Mit September 2024 umfasst das Team sieben Personen. In den folgenden Monaten sind substanzielle Erweiterungen geplant, darunter neun PhD-Stellen, zwei Stellen für Postdoktorand:innen, zwei Senior Lab Technicians, zwei Lab Technicians und eine:n Gruppenleiter:in für den Bereich „Nanovesikuläre ‚theralytische‘ Technologien“.
Das LBI wird über einen Zeitraum von zehn Jahren (inkl. Zwischenevaluierungen) mit einem Fördervolumen von 15 Mio. Euro ausgestattet. 80 Prozent stammen von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, 20 Prozent vom Land Salzburg. Das Einbinden weiterer Partnerorganisationen im Netzwerk ist in Planung. Mit der Paris Lodron Universität Salzburg (PLUS) als Host beteiligt sich auch eine öffentliche Universität am Aufbau des Instituts. Zusätzlich sollen Drittmittel eingeworben und Kooperationen mit Industriepartnern ausgebaut werden.
Das LBI ist an der Natur- und Lebenswissenschaftlichen Fakultät der Paris Lodron Universität Salzburg (PLUS) angesiedelt. Hier stehen dem Forschungsteam moderne Labore mit einer Gesamtfläche von 210 m² zur Verfügung. Ergänzt wird diese Infrastruktur durch das GMP-Labor (Good Manufacturing Practice) der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) sowie das Universitätsinstitut für Transfusionsmedizin der PMU am Universitätsklinikum Salzburg. Zu finden ist das LBI für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin in der Hellbrunner Straße 34 in Salzburg.
Interview mit Nicole Meisner-Kober, Institutsleiterin & Leiterin der Forschungsgruppe „Nanovesikuläre Wirkstoff-Shuttles“
„In zehn Jahren werden wir bereits erste klinische Daten haben“
Welche Rolle spielt Präzision in der Medizin und welche Ansätze verfolgt die Forschung dafür?
Präzision bedeutet, Medikamente maßzuschneidern. Es geht darum, das richtige Medikament in der richtigen Darreichungsform und Applikationsform zur Verfügung zu stellen. Das große Problem bei der Wirkstoffentwicklung ist aber, dass viele vielversprechende Substanzen scheitern, weil sie entweder schlecht aufgenommen werden, oder sich zu breit im Körper verteilen. Sie gelangen nicht gezielt und in ausreichenden Mengen an den gewünschten Ort.
Deshalb wird einerseits versucht, bestehende Medikamente zielgenauer zu machen. Zum anderen geht es darum, den Einsatz völlig neuer Wirkstoffklassen wie RNA-basierter Therapeutika zu ermöglichen. Ein Beispiel sind Impfstoffe auf der Basis von Boten- oder Messenger-RNA, kurz mRNA, wie sie gegen Covid-19 eingesetzt werden. Diese Wirkstoffe werden jedoch nur schwer vom Körper aufgenommen oder schnell abgebaut. Nanovesikel bieten in solchen Fällen eine Möglichkeit, die Wirkstoffe effizient zu verpacken.
Wie haben Sie die Entwicklung des Forschungsfeldes rund um Nanovesikel erlebt?
Anfangs galten Vesikel als zelluläre „Müllabfuhr“. Erst in den 1980er Jahren erkannte man ihre aktive Rolle im Immunsystem. Seitdem ist das Interesse an diesem Forschungsfeld stetig gewachsen. Der eigentliche Durchbruch gelang zwischen 2007 und 2009, als zwei große Leuchtturm-Publikationen zeigten, dass Vesikel von Zellen aufgenommen werden und ihre Fracht an Zielzellen weitergeben können. Damit war klar, dass wir es mit einem Kommunikationssystem von fundamentaler Bedeutung zu tun haben.
Wie sehen Sie die die Zukunft der Nanovesikelforschung?
Meine Vision ist es, eine breite Toolbox zu entwickeln, die es ermöglicht, neuartige Wirkstoffklassen in Vesikel zu verpacken, und die richtigen Vesikel für die richtige Anwendung zu finden. Dabei interessieren wir uns besonders für Vesikel aus gut verträglichen und verfügbaren Quellen. Wir arbeiten daran, Vesikel aus natürlichen Nahrungsquellen oder auch Nebenprodukten wie Molke zu gewinnen. Zum Beispiel kooperieren wir gemeinsam mit einem Partner aus der Biotech-Industrie mit Molkereien, die Grana Padano herstellen und bei denen große Mengen an Molke anfallen, aus denen wir Vesikel gewinnen können.
Wie gelangt der Wirkstoff dann in die isolierten Vesikel?
Das ist eine der größten Herausforderungen. Dafür gibt es verschiedene Ansätze, die wir untersuchen. Eine Möglichkeit ist, den Wirkstoff chemisch so zu modifizieren, dass er durch die Membran in das Vesikel gelangt. Vielversprechend ist auch die Herstellung von Hybridvesikeln. Dabei wird der Wirkstoff zunächst in ein synthetisches Vesikel verpackt, das dann mit einem natürlichen Vesikel verschmilzt.
Welchen Beitrag wird das LBI für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin zu diesem Forschungsfeld leisten?
Auf dem Gebiet der Nanovesikel gibt es noch viele offene Fragen, insbesondere bei der Translation von der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung. Hier am Institut haben wir die Möglichkeit, akademische Forschung und Aspekte aus der industriellen Entwicklung zu verbinden.
Einerseits haben wir den nötigen zeitlichen Planungshorizont, andererseits können wir als Forschungsgruppe wirklich gemeinsam an ein und derselben Fragestellung arbeiten, was im akademischen Setting oft nicht möglich ist. Unser interdisziplinäres Team deckt dabei ein breites Spektrum ab, von Physik und Chemie über Molekularbiologie und Pharmakologie bis hin zur Zusammenarbeit mit Kliniker:innen, Technologieunternehmen und Psycholog:innen, die für uns strukturierte Umfragen durchführen. Dieses Zusammenspiel ermöglicht es uns, gezielt die Fragen zu lösen, an denen die Forschung momentan noch scheitert.
Wo sehen Sie Ihre Forschung in zehn Jahren?
In zehn Jahren werden wir bereits erste klinische Daten aus unserer Forschungslinie zu nativen nanovesikulären Therapeutika sowie konkrete klinische Kandidaten aus der Forschungslinie zu „Wirkstoff-Shuttles“ haben. Danach wird der Fokus auf der kommerziellen Weiterentwicklung liegen – unsere Arbeit wird also in zehn Jahren sicher noch nicht beendet sein.
Interview mit Mario Gimona, Leiter der Forschungsgruppe „Native nanovesikuläre Therapeutika“
„In Tierversuchen konnte eine einzige Vesikel-Injektion die Narbenbildung verhindern“
Wie sehen Nanovesikel aus und was macht sie so besonders?
Nanovesikel sind nicht nur leere Hüllen, sondern enthalten bioaktive Moleküle. Sie dienen der Kommunikation und helfen den Zellen auch, ihr umliegendes Gewebe zu erkennen. Die Vesikel, an denen wir forschen, haben einen Durchmesser von etwa 100 Nanometern und sind relativ fest, vergleichbar mit einem Squash-Ball. Sie sind von einer Doppelmembran umgeben, in die verschiedene Oberflächenmerkmale und Rezeptoren eingebaut sind. Im Inneren befindet sich die lösliche Fracht.
Warum sind Nanovesikel für therapeutische Anwendungen so vielversprechend?
Lange Zeit haben wir große Hoffnungen in Stammzelltherapien gesetzt, um defekte oder verlorene Gewebestrukturen wiederherzustellen. Jedoch stellten wir fest, dass die positiven regenerativen Effekte auch durch Vesikel zu erzielen sind, die von diesen Zellen abgesondert werden. Daher untersuchen wir nun die Fähigkeiten von Vesikeln aus Nabelschnurzellen. Dieses Nabelschnurgewebe kann bei Geburten am Universitätsklinikum Salzburg, selbstverständlich immer mit dem Einverständnis der Mütter, gewonnen und dann für die Herstellung von vesikulären Therapeutika verwendet werden. Wir setzen die isolierten Vesikel ein, ohne sie chemisch oder genetisch zu verändern. Das unterscheidet sich von der Forschungslinie, in der Nanovesikel mit spezifischen Wirkstoffen beladen werden.
Wie fördern Nanovesikel die Geweberegeneration?
Das Problem bei der Reparatur oder Regeneration nach Gewebeverletzungen ist, dass die Narbenbildung schneller abläuft als die Regeneration. Ein Beispiel dafür sind Rückenmarksverletzungen. Wenn hier nicht innerhalb von 72 Stunden gehandelt wird, bildet sich eine Narbe, die den Heilungsprozess behindert. Ähnliches gilt für Implantate wie Hüftgelenke, Cochlea-Implantate oder Herzschrittmacher.
Unsere Tests haben gezeigt, dass Vesikel aus Nabelschnur-Stammzellen die Narbenbildung reduzieren. In Versuchen mit Schafen, konnte eine einzige Injektion der Vesikel die Narbenbildung nach einer traumatischen Verletzung der Sehne fast vollständig verhindern. Dabei modulieren die Vesikel gezielt einzelne Faktoren der Entzündungsreaktion, anstatt sie pauschal zu unterdrücken. Den genauen Wirkmechanismus kennen wir noch nicht, aber wir vermuten, dass das Signalmolekül Adenosin eine Rolle spielt, weil es Entzündungszellen aktiviert.
Haben Sie auch klinische Erfolge erzielt?
Gemeinsam mit dem Team aus der pädiatrischen Neurochirurgie um Prof. Matthias Krause an den Salzburger Landeskliniken konnten bereits zwei Kinder mit Spina bifida, oder „offenem Rücken“, behandelt werden. Bei dieser Fehlbildung wird das hervortretende Rückenmark üblicherweise operativ zurückgedrängt, doch die Narbenbildung behindert die weitere Entwicklung der Kinder. In beiden Fällen haben sich die Kinder nach der Behandlung gut entwickelt. Aber das waren individuelle Heilversuche – der nächste Schritt sind klinische Studien. Nur wenn die Ergebnisse zu 100 Prozent reproduzierbar sind, können wir sie weiterverfolgen.
Interview mit Eva Rohde, Leiterin der Forschungsgruppe „Wissenschafts-Medizin-Öffentlichkeits-Liaison“
„Unsere Stärke ist, dass wir bereits ein Produkt haben“
Warum ist es wichtig, die verschiedenen Bereiche von Anfang an zu verbinden?
Meine Aufgabe ist es, Brücken zu bauen. Ich vermittle zum Beispiel den Nutzen der biomedizinischen Produkte, die wir erforschen, den Behörden sowie den Ärzt:innen und Patient:innen. Gleichzeitig müssen wir die gesetzlichen Vorgaben einhalten, um neue Produkte erfolgreich entwickeln zu können.
Die Verknüpfung der Bereiche ist notwendig, weil die klinische Forschung stark von Sicherheitsfragen dominiert ist. So müssen pharmazeutische Produkte nach den strengen Richtlinien der Good Manufacturing Practice, kurz GMP, hergestellt werden. Solche Fragen werden in der Grundlagenforschung oft nicht von Anfang an berücksichtigt, sind aber für die Umsetzung der Ergebnisse in die Praxis entscheidend. Aktuell läuft für unser erstes Produkt die Genehmigung zur klinischen Prüfung– das ist bereits ein wichtiger Meilenstein.
Wo kommt die Öffentlichkeit ins Spiel?
Wir bemühen uns, die Betroffenen von Anfang an in den Prozess einzubeziehen. Zum Beispiel hat eine Patientin aus einem Heilversuch, die selbst im Gesundheitswesen tätig ist, Interesse bekundet, sich am Institut zu engagieren. Das ist ein Beispiel für „Open Innovation in Science“: Wir binden Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen in die Forschungsplanung ein, um die Forschung zu verbessern und schneller zum Ziel zu kommen.
Wie nah sind Sie an einer praktischen Anwendung Ihrer Forschung?
Da sind wir schon auf einem guten Weg. Bei den nativen Nanovesikeln ist unsere Stärke, dass wir bereits ein Produkt in der Hand haben. Bei den „Wirkstoff-Shuttles“ stehen wir noch vor größeren Herausforderungen, da viele grundlegende Fragen zur Aufnahme und Verteilung im Körper sowie zu Sicherheitsaspekten wie der Toxizität und Mutter-Kind-Übertragung geklärt werden müssen.
Worin sehen Sie die größte Herausforderung?
Die gesellschaftliche Akzeptanz ist derzeit ein großes Thema. Die Covid-19-Krise hat die Skepsis gegenüber der Wissenschaft trotz oder gar wegen vermehrter Kommunikation zum Thema „Klinische Forschung“ noch verstärkt. Unser Ziel ist es, das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken, insbesondere bei den Betroffenen. Mein persönliches Vorbild ist „Die Sendung mit der Maus“. An diesem Stil orientiere ich mich, um komplexe Themen oder wissenschaftliche Inhalte verständlich zu vermitteln und Vertrauen aufzubauen.
Weiterführende Links
- Ludwig Boltzmann Institut für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin
- Österreichische Gesellschaft für Extrazelluläre Vesikel (ASEV)
- International Society for Extracellular Vesicles (ISEV)
- Journal of Extracellular Vesicles
- Life Science Cluster Salzburg der Innovation Salzburg GmbH (Land Salzburg, Stadt Salzburg, Wirtschaftskammer Salzburg und Industriellenvereinigung Salzburg)
- PLUS – Paris Lodron Universität Salzburg
- Paracelsus Medizinische Privatuniversität
- EV-TT Transferzentrum
Impressum
Ludwig Boltzmann Gesellschaft – Österreichische Vereinigung zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
Texte und Interviews
Hanna Gabriel, Science Writer
Wien, 2024